Hundert Jahre sind ein Tag

Am 19. März 1911 wurde in Österreich, in den USA und vielen anderen Ländern der internationale Frauentag zum ersten Mal begangen, wobei „begehen“ durchaus wörtlich zu nehmen ist: 20.000 Frauen marschierten auf der Ringstraße und traten für ihre Rechte ein. „Die Häfte des Himmels“ als Forderung – ein so schöner wie mutig-ermutigender Satz.  Wenn sich der Frauentag heute (mittlerweile auf den 8. März verlegt) zum 100. Mal jährt, dann kann sehr viel von den Forderungen der letzten 100 Jahre gelernt werden. Vor allem aber: übernommen werden, denn von Gleichstellung, von „der Hälfte“ ist unsere Gesellschaft weit entfernt, noch immer. Österreich ist Einkommensscheren-Europameister. Frauen werden – obwohl viel stärker unter MaturantInnen und StudienabsolventInnen vertreten – im Bildungssystem systematisch unterrepräsentiert, und zwar dann, wenn es um Karriere geht (so kann man die österreichischen Rektorinnen an zwei Fingern abzählen….). In Karriere- und Bildungsverläufen, die weniger prestige- und gewinnträchtig sind, sind Frauen dafür in der satten Überzahl.

Ich habe den heutigen Frauentag auf einer Delegationsreise in Jerusalem verbracht. Nicht, dass es hier nur ultra-orthodoxe Jüdinnen und Juden gibt, im Gegenteil, aber es gibt doch eine große Zahl…

Ein Grundpfeiler ihres Alltags ist ein Konzept der „Arbeitsteilung“ der Geschlechter. Den Männern ist es bestimmt, die Tora zu studieren, während die Frauen sich um Kinder, Haushalt und allen anderen wirtschaftlichen Kram kümmern müssen. Das mit dem frommen Leben nimmt die Männer ganz ein, zusätzliche Arbeit ist nicht vorgesehen.

Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Erst wenn diese Ideologie überwunden ist, kann Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern herrschen. Die Hälfte…das bedeutet auch, dass  Männer Verantwortung haben.

Jetzt sind die wenigsten ÖsterreicherInnen AnhängerInnen ultraorthodoxen Judentums. Das mit der Arbeitsteilung als Konzept ist nur dummerweise auch ziemlich State of the Art im Land der Söhne. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass gerade mal 5% der Eltern, die Kindergeld beziehen, Männer sind?

Diesen Anteil zu heben, und zwar,  ja: auf die Hälfte, ist eine der größten Aufgaben fortschrittlicher Gesellschaftspolitik. Frauenpolitik lässt sich definitiv nicht auf Kinderbetreuungsfragen reduzieren. Aber umgekehrt ist Kinderbetreuung eben auch nicht nur Frauensache. Erst wenn diese partnerschaftlich aufgeteilt ist, ist eines der größten Hemmnisse für weibliche Karrieren entschärft, und außerdem entsteht endlich eine Generation an Vorbildern für ein solches partnerschaftliches Aufteilen. Und das heißt eben nicht arbeitsteilig, sondern: gleiche Rechte – gleiche Pflichten.

Poltik hat dafür Rahmenbedingungen zu schaffen. Awareness für eine aktive Vaterschaft, ausreichende Kinderbetreuungsplätze (Krippenplätze etwa gibt es in Wien fast so viele wie in anderen Bundesländern zusammen, und das ist noch zuwenig…), Anreize wie das einkommensabhängige Karenzgeld und vieles mehr.

Auf jeden Fall braucht es eine starke, kämpferische Frauenpolitik, heute wie vor hundert Jahren. Und Männer, die ihre Hälfte daran teilhaben.

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