Ein flaues Gefühl….

Das Ergebnis der Nationalratswahlen am Sonntag ist nicht zum Freuen. Die (extrem) Rechte ist noch stärker geworden. Die ÖVP: trotz eines wirklich schlechten Wahlkampfes, einer teilweise clownesken Performance ihres Spitzenkandidaten und vor allem einer er- und abschreckenden Involviertheit in einen Haufen Korruptionsfälle erstaunlich wenig verloren. Und schon sind die schwarzen Granden wieder am Organisieren einer Mehrheit ohne die von ihnen verhassten „Sozialisten“. Spindelegger werde zuerst einmal mit allen Parteien reden, Rauch sagt, die Koalition sei abgestraft und was neues müsse her, und überhaupt schaue man erst einmal wie weit einem die anderen Parteien bei „Reformprojekten“ entgegen kämen.

Das alles führt bei mir zu einem fürchterlichen Déjà-Vu. Das hatten wir schon einmal, 1999. Mit dem Ergebnis, dass der Wahlverlierer Schüssel mit dem aus demokratiepolitsch völlig inakzeptablen Haider eine Koalition geschmiedet hat, die Folgen kennen wir. Einige davon werden noch immer von den Gerichten aufgearbeitet. Offensichtlich finden viele in der ÖVP, man sei mit der Arbeit von damals noch nicht fertig.

Über das, was aus der einst staatstragenden Partei ÖVP geworden ist, braucht es mehr Platz, in einem eigenen Blogeintrag (eigentlich bräuchte man dafür Bücher). Kurz: Es ist traurig. Die Schwarz-Blauen Jahre sind noch nicht ganz aufgearbeitet, und trotzdem trauert man ihnen nach, so wie es jetzt war könne es nicht bleiben, Reformvorhaben wurden blockiert und jetzt heißt es „Haltet den Dieb! Es muss sich was ändern!“. Und dann dieser Wahlkampf. Mit einer bisher ungekannten Qualität des Dirty Campaignings unter jeder Gürtellinie, auch dem bisher schon niedrigen Niveau eines ÖVP-Generalsekretärs, hat die ÖVP wieder einmal ein ordentliches Stück zur Diffamierung von Politik in dieser Republik beigetragen.

Bleibt ein flaues Gefühl der Wiederholung der Geschichte. Die vermutlich noch einige Wochen dauernde Schrecksekunde fülle ich erstmal mit zwei Dingen.

der Wahlkampfhymne der ÖVP von Christoph und Lollo…

 

…und – auch aus Respekt vor der scheidenden Bildungsministerin, Claudia Schmied, die mutig und konsequent an einer Weiterentwicklung des Bildungssystems gearbeitet hat, ein Text von mir darüber, wie Schule sein soll, erschienen in unserer aktuellen Kinderfreunde-Zeitung „Wir“ mit diesem Schwerpunkt . Als Leitlinie für die zukünftige Bildungspolitik. Ob der neue Bildungsminister oder die neue Bildungsministerin das auch so sehen wird?

Verändern wir die Schule!

Nicht nur kurz vor Wahlen gibt es in unserem Land kaum ein Politikfeld in dem mehr gestritten wird: Schulpolitik, das ist Härte. Zwar wächst der Kreis jener, die an wichtigen Reformen wie etwa der gemeinsamen Schule oder dem Ausbau von Ganztagsschulen arbeiten wollen – viele grundvernünftige Veränderungsvorschläge der Bildungsministerin ernten aber ein nach wie vor ein ziemlich undifferenziertes „Njet“ der Beton-Fraktion rund um die schwarze LehrerInnengewerkschaft und die Bundes-ÖVP. Im Grunde genommen ist das schon die Zusammenfassung der leidigen Geschichte, die erklärt, warum die Schule in Österreich nicht so ist, wie sein soll.

 

Aber wie soll Schule denn sein? Diese Frage versuchen wir Kinderfreunde zu beantworten. In unserer langen Historie immer mitdiskutiert, wenn es darum gegangen ist, es besser zu machen im Bildungssystem. Das Modell einer gemeinsamen Schule skizzierten die Kinderfreunde bereits in den 1940er Jahren, schon 1919 lebten wir in der „Schönbrunner Schule“ vor, wie eine fortschrittliche Bildung sein kann und organisierten die wohl bedeutendste Ausbildungsstätte für Pädagoginnen und Pädagogen der damaligen Zeit. Und bis heute gilt: Wir Kinderfreunde machen uns Gedanken darüber, wie Bildung in unserem Land funktionieren soll, und wir nutzen jede Gelegenheit, unseren Vorschlägen und Forderungen auch  Gehör zu verschaffen.

 

Schule wie sie sein soll

 

Denn Bildung ist der Schlüssel zur Welt: Sie ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Sie macht uns zu kritikfähigen, freien und mündigen Menschen. Sie ermöglicht uns den Zugang zu erfüllender Arbeit. Bildung ist die Basis für gesellschaftliche Teilhabe und damit für eine demokratische und solidarische Gesellschaft.

 

Voraussetzung für eine solche demokratische Gesellschaft ist aber, dass jeder Mensch das gleiche Recht auf Bildung hat. Derzeit ist das nicht so – Bildung wird vererbt: Zugang und Chancen im Bildungssystem sind stark ungleich verteilt. Nicht Interesse, Engagement und Begabung bestimmen den Bildungsweg junger Menschen, sondern Bildungsgrad und sozialer Status der Eltern. Wer aus einem AkademikerInnenhaushalt kommt, hat einfach bessere Karten für seine eigene Schul- bzw. Bildungslaufbahn. Wir brauchen aber das genaue Gegenteil: Ein Bildungssystem, dass nicht Ungleichheit zementiert, sondern eines, dass Möglichkeiten und Chancen schafft – für alle.

 

Das ist nur in einem offenen Bildungssystem erfüllbar, das jedem Menschen die gleiche Möglichkeit für Bildung und Ausbildung eröffnet – vom Kindergarten bis zur Universität bzw. ein ganzes Leben lang. Ohne finanzielle Hürden, ohne Drop-Out-Tests – eine Schule für alle, in der persönliche Weiterentwicklung und Entfaltung im Zentrum stehen.

 

Wenn wir über Bildung nachdenken, dann steht nicht die Organisationsform des Bildungssystems, auch nicht die Lehrenden im Mittelpunkt, sondern das einzelne Kind – der lernende Mensch. Jede und Jeder muss lernen können, Fragen stellen, entdecken und forschen. Schulen und Kindergärten, Pädagoginnen und Pädagogen müssen dafür den bestmöglichen Rahmen schaffen können, auf unterschiedliche Voraussetzungen eingehen und individuelle Förderung ermöglichen.  Derzeit wird Schule aber oft falsch herum diskutiert: Wenn erst einmal die Fragen der Gehälter, Stundenpläne, der räumlichen Gegebenheiten und der Schulorganisation geklärt sind, dann werden sich die Kinder schon irgendwie einfügen. Das funktioniert sicher – sie müssen ja.

 

Nicht für die Schule lernen wir…

 

Und was soll man in der Schule lernen? Natürlich ist es wichtig, dass das viel davon auch im Leben gebraucht werden kann, dass wesentliche Grundkenntnisse vermittelt werden und eine Tür zum großen Haus einer guten Allgemeinbildung aufgestoßen wird. Aber der Wert von Wissen darf nicht mit Verwertbarkeit verwechselt werden. So muss Schule und Kindergarten neben Grundkompetenzen und kognitivem Wissen auch soziale Fertigkeiten, Empathie, solidarisches Verhalten, Toleranz und Verantwortung vermitteln und kritikfähig und stark machen. Bildung und Ausbildung müssen Zugänge zum Arbeitsmarkt schaffen, aber auch die Grundlage für ein glückliches und selbstbestimmtes Leben sein. Sie müssen Wissen und Fähigkeiten schaffen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen und immer weiter lernen zu wollen.

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