Smart Cities braucht die Welt!

Im Juni hat der Wiener Gemeinderat die Smart City Rahmenstrategie beschlossen. Gestern und heute beschäftigen sich viele ExpertInnen bei der SPÖ Sommerakademie mit der Frage, was das für unsere Politik heißt. Meiner Meinung nach kann man die Bedeutung gar nicht hoch genug einschätzen. Erstens, weil engagierte Politik engagierte Ziele braucht – solche sind in der Rahmenstrategie formuliert. Und zweitens, weil es eine Überlebensfrage für die Menschheit überhaupt ist, ob Städte „smart“ sind oder nicht. Warum? Das hab ich als Diskussionsteilnehmer bei der Sommerakademie versucht, zu argumentieren. Ungefähr so:

Smart City. Der Begriff ist irgendwie immer noch fremd. Und er klingt für viele wie ein Slogan, eine Marketingstrategie für eine politische Schwerpunktsetzung, die auch ganz anders aussehen könnte. In Wirklichkeit ist aber die Frage, ob Wien Smart City ist vermutlich die aller wichtigste überhaupt. Warum?

Zuerst einmal ist es nicht so, dass wir Wienerinnen und Wiener abgeschottet auf einer Insel der Seligen wohnen. Wien ist wunderschön, und anders ist es auch, aber abgeschottet ist unsere Stadt keinesfalls, sondern mittendrin in der kleiner gewordenen Welt. Und die Welt ist geprägt von sehr elementaren Entwicklungen. Die Bevölkerung wächst rapide – von derzeit rund sieben Milliarden auf zehn Milliarden im Jahr 2100. Zugleich steigt der weltweite Verbrauch von endlichen Ressourcen. Das ist eine dramatische Entwicklung. Zuerst, weil Ressourcen wie gesagt endlich sind. Das Berechnungsmodell des sogenannten „ökologischen Fußabdrucks“ zeigt uns: Der Lebensstil der Menschheit zum heutigen Tag bräuchte nicht einen, sondern 2,7 Planeten Erde (jener der EU 4,7, der USA sogar 6,2…). Zum anderen verursacht eben diese Ausbeutung unserer natürlichen Rohstoffe und die damit einhergehende Nutzung fossiler Brennstoffe den Klimawandel, also globale Erwärmung. 900 Tonnen Kohlendioxid werden heute pro Sekunde in die Atmosphäre geblasen. Durch diese – ständig steigenden – CO2-Emmissionen ist die Temperatur weltweit schon um 0,74 Grad angestiegen. Wenn es uns nicht gelingt, das Ruder herumzureißen, wird sich die Erde bis 2100 um 6,4 Grad erwärmt haben. Die Folgen jener Erderwärmung bekommen wir bereits jetzt zu spüren, ein Temperaturanstieg von 1-2 Grad hätte noch deutlich dramatischere Auswirkungen wie die Gefährdung der Lebensgrundlage von Millionen von Menschen durch den Anstieg des Meeresspiegels, häufigere Dürren und der Bedrohung von Wasserversorgung.

Kurz: die Menschheit ist dabei, die Erde an die Wand zu fahren. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Überlebensfrage, ob es gelingt, das Ruder herumzureißen. Der Schlüssel dazu ist Nachhaltigkeit. Jede Gesellschaft entwickelt sich weiter, Wirtschaft und Wissenschaft generieren Fortschritt und setzen diesen voraus. Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte stand die gesellschaftliche Entwicklung still, und das ist gut so. Die Frage ist: Kann es uns gelingen, dass diese Entwicklung, dieser Fortschritt nicht auf Kosten kommender Generationen geht? Eine solche Entwicklung ist eine nachhaltige. Im ökologischen Sinn – in der wir Menschen die Erde nicht 4 Mal brauchen, sondern mit einer auskommen. Im wirtschaftlichen Sinn, wo sich Ökonomien nicht als aufgepumpte Blasen, die platzen müssen entwickeln und die gesellschaftlichen und ökologischen Kosten der Profitmaximierung Weniger auf die Gesellschaft als Ganzes auslagern. Und im sozialen Sinn, denn nachhaltig ist eine Entwicklung nur, wenn sie alle im Blick hat und nicht in Arm und Reich zerfällt.

Und diese Frage nach dem Ermöglichen von Nachhaltigkeit, diese so zentrale Frage für die Zukunft eines ganzen Planeten, kristallisiert sich in Städten. 2008 lebten zum ersten Mal mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, eine Entwicklung, die rasant voranschreitet. Es sind Städte, die den höchsten Energieverbrauch haben und den größten CO2-Ausstoß. Zugleich sind es aber auch Städte, in denen nachhaltige Entwicklung einer Gesellschaft der Zukunft überhaupt machbar ist. Wenn sie funktionieren.

Städte, die funktionieren, nutzen alle Vorteile, die es mit sich bringt, wenn viele Menschen an einem Ort wohnen: Verdichtete Siedlungsformen mit der Möglichkeit gemeinsam genutzter Infrastruktur, kollektive Verkehrslösungen, kurze Wege, die Konzentration von extrem viel Know How und damit eine hohe Innovationsfähigkeit und Produktivität, eine hohe internationale Vernetzung, Bildungs- und Wissenschaftsstandorte, eine gut ausgebildete IKT-Infrastruktur, BürgerInnenbeteiligungsmöglichkeiten und vieles mehr.

Städte, die im Sinne einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit funktionieren, indem sie alle Vorteile nutzen, die ein Ballungsraum bietet: das sind Smart Cities.

Damit Städte funktionieren können, brauchen sie Rahmenbedingungen. Dazu gehört zum Beispiel, dass genug Geld da ist um die städtische Infrastruktur auszubauen, auf einen ressourcenschonenden Stand der Technik zu bringen und allen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich zu machen. Dass also alle Aspekte der Daseinsvorsorge funktionieren (was im übrigen meistens in jenen Städten der Fall ist, in denen sich die Daseinsvorsorge in öffentlicher Hand befindet). Das hängt natürlich von den ökonomischen Rahmenbedingungen ab, in denen eine Stadt eingebettet ist, kann aber auch durch eine prononcierte Politik auf EU-Ebene gefördert werden. Etwa, indem die Kohäsionspolitik einen klaren Schwerpunkt auf Städte legt und indem Investitionen aus dem Stabilitätspakt herausgerechnet werden, da sie die Zukunftsfähigkeit von Regionen sichern. Andere Rahmenbedingungen sind das Vorhandensein guter Bildungseinrichtungen und Zentren der Wissenschaft, Forschung und Innovation. Intakter Grünraum und eine große Biodiversität. Überregionale Verkehrsinfrastruktur. Und vieles mehr.

Wien hat die besten Voraussetzungen, so eine Stadt zu sein. Wien ist im wahrsten Sinne des Wortes eine „funktionierende Stadt“ – Wienerinnen und Wiener haben diese Erkenntnis zumeist dann, wenn sie von einem Auslandaufenthalt zurück nach Hause kommen. Auf Basis dieser Rahmenbedingungen braucht eine Smart City aber noch mehr, nämlich vorausschauende, mutige politische Entscheidungen auf der Basis von gesteckten Zielen.

Was das betrifft hat Wien übrigens eine lange Vorgeschichte. Denn welche besseren Beispiele für vorausschauende und smarte Entscheidungen gibt es als den Bau der Wiener Wasserversorgung durch eine über Hundert Kilometer lange Leitung aus den Alpen bereits im 19. Jahrhundert? Als den sozialen Wohnbau ab den 1920er Jahren? Oder den Bau der Wiener Donauinsel?

Diese vorausschauenden Entscheidungen zusammen mit exzellenten Rahmenbedingungen (die auch nicht vom Himmel gefallen sind sondern das Ergebnis konsequenter, sozialdemokratischer Stadtpolitik) machen Wien heute bereits zu einer der smartesten Städte der Welt. Und sie sind der Ausgangspunkt für unsere weitere Reise.

Die Ziele, die wir uns heute für diese Reise stecken, hat der Wiener Gemeinderat in der Smart City Rahmenstrategie festgelegt. In dieser Strategie stecken weitreichende Pläne dafür, wie es gelingen kann, unsere Stadt insbesondere in den Bereichen Energie, Mobilität, Gebäude und Infrastruktur verknüpft und „smart“ weiterzuentwickeln, und zwar unter den Prämissen einer radikalen Ressourcenschonung, hoher und sozial ausgewogener Lebensqualität und der Entwicklung bzw. dem Einsatz von Innovationen und neuen Technologien.

Betreffend der Ressourcen lautet unser Gesamtziel: In Wien sinken die Treibhausgasemissionen pro Kopf um jedenfalls 35% bis 2030 und um 80% bis 2050 (im Vergleich zu 1990).

Wien hat eine Vorreiterrolle – bereits das 1999 beschlossene Klimaschutzprogramm (KLiP) der Stadt Wien war ausgesprochen erfolgreich: Die Ziele, die bis 2010 erreicht werden sollten, wurden bereits 2006 erreicht – insgesamt wurde bis Ende 2008 die jährlich emittierte Treibhausgas-Menge schon um 3,1 Millionen Tonnen reduziert und im Dezember 2009 ein neues Klimaschutzprogramm beschlossen, das bis 2020 weitreichendere Ziele festschreibt und nun auch – neben einigen weiteren Fachstrategien, mit der Smart City Rahmenstrategie zusammenspielt.

Doch trotz dieser Vorreiterrolle ist das Erfüllen der gesteckten Ziele keine leichte Übung – im Gegenteil. Sie setzen eine Vielzahl von Handlungen und Maßnahmen in den Kernbereichen Energie, Mobilität, Gebäude und Infrastruktur voraus.

Ziel ist eine deutliche Steigerung der Energieeffizienz und eine Senkung des Endenergieverbrauches, ein deutliches Sinken des Primärenergieeinsatzes pro Kopf. 50% des Energieverbrauches von Wien sollen aus erneuerbaren Quellen kommen. Das kann zum Beispiel durch einen Ausbau von Bürgersolarkraftwerken, durch die Erschließung der Potenziale im Bereich der Tiefengeothermie und Oberflächengeothermie geschafft werden. Geplante Projekte sind etwa auch das Umsetzen einer energieautarken Abwasserreinigung – ab 2020 kann der gesamte Energiebedarf für Abwasserreinigung aus Klärgas selbst erzeugt werden – oder das Projekt „Zero Emission Liesing“ – der Versuch, ein gesamtes Stadterneuerungsgebiet nach den Kriterien 100% erneuerbare Energien und Reduktion des Energieeinsatzes um den Faktor 10 zu verwirklichen.

Ziele im Bereich Mobilität sind etwa eine weiter Verbesserung des sogenannten „Modal Splits“, also das Verhältnis der unterschiedlichen Verkehrsformen. Der motorisierte Individualverkehr soll auf 20% bis 2025 und auf 15% bis 2030 sinken. Darüber hinaus soll ein größtmöglicher Anteil – bis 2050 zu 100% – des motorisierten Individualverkehrs innerhalb der Stadtgrenzen ohne konventionelle Antriebstechnologien auskommen. Güter- und Verkehrsströme sollen optimiert werden. Ein Projektbeispiel im Zusammenhang mit Mobilität ist der Ausbau von „E-Mobility on demand“, also eines E-Car-Sharing als Ergänzung zum Öffentlichen Verkehrssystem.

Was die Weiterentwicklung im Bereich der Gebäude betrifft, sind die Grundkonstanten schon lange am Tisch: Mit der thermisch-energetischen Sanierung ist Wien bereits in den vergangenen Jahren international Vorreiter gewesen. Dieser Weg wird weitergehen, auch im denkmalgeschützten Bereich, und wird zu einer Reduktion des Energieverbrauchs im Gebäudebestand von 1% pro Kopf und Jahr führen. Die größte Kapazität in diesem Bereich stellt aber sicherlich die Tatsache dar, dass Wien eine stark wachsende Stadt ist. Bis 2025 werden dafür etwa 120.000 neue Wohnungen gebraucht werden. Diese sollen nach einem kostenoptimalen Niedrigstenergiestandard gebaut werden, und darüber hinaus sollen die Wärmeversorgungssysteme weiterentwickelt werden. Wieviel in der Bausubstanz einer Stadt wie Wien steckt, zeigt auch ein „Urban Mining Projekt“ der Wiener Linien. Wenn wir die Bausubstanz besser verstehen und Wissen über verwendete Resssourcen und Rohstoffe erzielen, kann sich die Stadt „selbst recyceln“….
Zuletzt braucht die Smart City Wien wie oben erwähnt eine funktionierende, smarte Infrastruktur. Das heißt: Aufrechterhaltung der sogenannten Basisinfrastruktur wie etwa Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Abfallverwertung und so weiter auf höchstem Niveau aber auch der Ausbau von IKT als „Nervensystem“ der Smart City Wien. Wir nehmen uns vor, bis 2020 die fortschrittlichste europäische Stadt in allen Belangen von Open Government zu sein. Pilotprojekte mit IKT-Unternehmen sollen für Stadt und Wirtschaft als Showcases dienen, und bereits in 3 Jahren soll Wien über ein breites W-Lan-Netz verfügen.

Das waren nur die wesentlichsten Ziele aus der Smart-City-Rahmenstrategie im Bereich Ressourcen. Natürlich ist vom Festlegen einer Strategie zum Erreichen von Zielen ein weiter Weg. Aber ohne große Ziele kann es keinen weiten Weg geben. Mit dieser Rahmenstrategie, in die das Wissen und das Engagement unzähliger ExpertInnen aus allen Bereichen unserer Stadtverwaltung, aus Wissenschaft, Wirtschaft und internationales Know How eingeflossen sind, wird deutlich: Damit eine Stadt im Sinne der eingangs beschriebenen Nachhaltigkeit „funktioniert“, braucht es kluge, vorausschauende Maßnahmen auf allen Ebenen. Es braucht mutige Entscheidungen, deren Horizont nicht ein paar Jahre, sondern die nächsten Jahrzehnte ist. Und es braucht ein Verständnis von der Welt bzw. der Stadt in der wir leben und eine Vision davon, wie diese Welt und diese Stadt in Zukunft aussehen soll. Die Analyse von dem, was ist und das Träumen – und Planen! – von dem, was sein soll ist die Grundlage von gesellschaftlicher Entwicklung durch engagierte Politik. Es liegt an uns, einmal mehr Wien als Rolemodel für genau das zu etablieren. Als Smart City der Zukunft.

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