Von guten Menschen.

Es gibt kaum wichtigeres im Leben als das sichere Gefühl, das Richtige zu tun. Und es gibt kaum etwas, das mehr Mut macht als die Erkenntnis, dass genau das sehr viele Menschen machen. Ich habe in letzter Zeit viel erlebt, das dazu passt. Von einer Episode – meinem Freitag – möchte ich erzählen.

Es ist Mittag. Mein guter Freund Georg ruft mich an. Er sagt, er könne kaum mehr Nachrichten lesen ohne den Drang, weinen zu müssen. Er sagt, er wolle jetzt was machen. Er sagt, er wolle nach Nickelsdorf und fragt mich, ob ich sein Gefühl, dort helfen zu können, bestätige. Das tue ich, und ich frage, ob er unseren VW-Bus ausborgen möchte. Da gibt es mehr Platz und damit die Möglichkeit, mehr Menschen zu helfen. Georg nimmt das Angebot an und wir vereinbaren uns bei uns zuhause kurz zu treffen. Als er da ist und wegfahren möchte, kann ich auch nicht anders. Ich weiß, der Connect.Traiskirchen-Freitag läuft so wie immer großartig, ganz sicher auch ohne mich. Georg und ich fahren gemeinsam, mit zwei Autos. In Nickelsdorf angekommen treffen wir auf viele sehr engagierte Helferinnen und Helfer, auf eine durchaus gute Organisation, aber eben auch auf das: Hunderte Leute, sehr geschwächt, in der Nova-Rock-Halle und davor (noch viel ärger ist es am Bahnhof). Sie versuchen, an diesem Ort, an dem Feldbett an Feldbett steht, irgendwie Kraft zu tanken und so schnell wie möglich weiterzukommen.

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Georg und ich sind nervös, wir sind unsicher, was wir genau machen sollen, und so sprechen wir den Koordinator des Roten Kreuzes dort an. Wir stellen uns vor und sagen, wir wären mit zwei großen Autos da, wir könnten zwei Familien mit nach Wien bringen und dort versorgen. Er sagt, die Transporte nach Wien koordiniere die Polizei. Also sprechen wir zwei Polizistinnen an, mit einem mulmigen Gefühl. Wir schildern ihnen unser Vorhaben. Die eine Polizistin meint: „Es ist ganz großartig, dass Sie das tun und Sie uns unterstützen. Wir selbst schaffen das heute nicht, mit Bussen genug Kapazität schnell genug zur Verfügung stellen. Sie helfen uns hier. Gehen Sie einfach hinein, finden Sie Ihre Familien und alles Gute.“ Wir gehen in die Halle und gemeinsam mit einem Dolmetscher und ein bisschen Zeit finden wir zwei Familien. Da wir uns entschieden haben, so viele Kinder mitzunehmen wie möglich – sie sind körperlich am schwächsten – müssen wir auch einer Gruppe mit vier jungen Männern die traurige Mitteilung machen, sie nicht mitnehmen zu können. Jedenfalls: Georg nimmt eine Familie mit zwei Kindern und zwei Jugendliche mit, ich habe Wail mit seiner Frau und ihren 1, 2, 5 und 7-jährigen Kindern mit.

Wail erzählt mir auf der Fahrt, dass sie aus Homs kommen. Ihr Haus, ihr Auto, all ihr Besitz sind bei einem Bombenangriff zerstört worden. Zum Glück waren sie nicht zuhause. Allerdings mussten die Kinder miterleben, wie andere Menschen, andere Kinder, von diesem Angriff getroffen, verletzt, getötet wurden. Das 2-jährige Kind hat das besonders mitgenommen. Sie sind weiter nach Damaskus, und als die Lage dort auch schrecklich wurde, entschlossen sie sich zur Flucht: Zu Fuß in die Türkei, von Istanbul mit einem Gummiboot nach Griechenland. Der Motor fiel aus, sie verloren sehr viel von den letzten Besitztümern, die sie noch hatten, aber sie überlebten die Überfahrt. Dann ging es wieder zu Fuß weiter nach Mazedonien, Serbien, Ungarn…und Nickelsdorf. Die „größeren“ Kinder mussten alles selbst schaffen, die beiden kleinen trug Wail, den ganzen Weg.

In Wien quartieren wir die beiden Familien im Gemeinschaftsraum in Georgs Haus ein. Die ganze Hausgemeinschaft und weitere Freunde, mit ihren Kindern, helfen mit. Sie kochen, sie bringen Matratzen, Decken, eine Kinderärztin kümmert sich um ein krankes Kind. Es ist wunderschön, wie viel Hilfsbereitschaft da ist, aber auch wie viel Interesse aller, sich kennenzulernen, zu reden, voneinander zu lernen. Wir schauen uns mit den Kindern gemeinsam die Orte der Flucht in einem Atlas an. Wir reden viel, und doch freuen sich alle, dass es so bald wie möglich weitergehen kann. Wail und die seinen möchten nach Schweden, weil sein Bruder in Norwegen wohnt und arbeitet und wie dorthin weiterziehen möchten. Die anderen nach Brüssel. Ich ziehe noch los, um internationale Pre-Paid-Sim-Karten zu kaufen. Als der Verkäufer in der kleinen Handy-Bude hört, wofür ich sie brauche, legt er nocheinmal aus eigener Tasche welche drauf. „Alles Gute“, sagt er, er will kein weiteres Geld mehr haben von mir.

Am nächsten Tag frühstücken wir alle miteinander. Unser Gäste sitzen auf Nadeln, sie wollen weiter, endlich bald am Ziel sein. Am Bahnhof ist gerade wieder mal sehr, sehr viel los. Ein Direktzug nach München wird so schnell nicht verfügbar sein, und von den Kindern ist noch immer eines ziemlich krank. Georg und Vucko, der auch gestern schon mit von unserer Partie war, entschließen sich also, alle mit den Autos nach Salzburg zu bringen und von dort weiterzuschauen.

Der Abschied ist sehr, sehr herzlich. Wir tauschen unsere Nummern und Emailadressen aus und vereinbaren, uns immer auf dem Laufenden zu halten. Wir wissen alle nicht, wie es weiter geht. Aber wir haben Freunde gefunden.

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Wir alle sind sehr erleichtert, als Georg und Vucko uns aus Salzburg die SMS schicken: „Mission accomplished“, schreiben sie, und sie schicken dieses Foto:

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Wir bleiben in Kontakt. Wir hören, dass in München erst einmal Stopp ist. Irgendwie machen wir halt, was wir sonst alles so tun an diesem Wochenende, aber natürlich lässt uns das alles auch nicht los. Heute Nachmittag erfahren wir, dass sie es nach Berlin geschafft haben. Und dass es weiter geht.

Es geht weiter. Und ich bin glücklich, dass ich ein kleiner Teil sein davon sein konnte. Dass ich auf so viele Menschen getroffen bin, die ein großes Herz haben und einfach tun. Und dass ich Freunde gefunden habe.

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